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Meldungen & Presse

16. Juni 2017 Meldung, KV Heilbronn, Aktiv vor Ort

Theodor Bergmann (1916 – 2017) – Ein kleiner persönlicher Nachruf

Theo Bergmann

Theo Bergmann ist am 12. Juni im Alter von 101 Jahren in Stuttgart gestorben. Unten finden sich einige Nachrufe sowie der Wikipedia-Eintrag über ihn.

Ich kenne Theo seit 5 Jahren in meiner Funktion als Vorsitzender des Freundeskreises ehemalige Synagoge Affaltrach und als Bildungsbeauftragter für die LINKE KV Heilbronn. Man kann sagen, wir sind ein wenig befreundet gewesen. Theo war der Biograph des kritischen Kommunisten August Thalheimer (1884 – 1948) und seiner Schwester Bertha (1883 – 1959), die beide aus Affaltrach stammen. 1984 hat Theo den Festvortrag zum 100. Geburtstag von August Thalheimer in Obersulm gehalten. Wir haben zusammen einige Veranstaltungen in der ehemaligen Synagoge bestritten. 2014 haben wir in seiner Anwesenheit den Film „Dann fangen wir von vorne an“ über sein Leben gezeigt und danach höchst lebhaft mit ihm diskutiert. Im Film wie in der Diskussion zeigte sich deutlich eine seiner prägnantesten Eigenschaften: Theo war ein unverbesserlicher Optimist, das steckte sozusagen in seinen Genen. Für einen, der das kurze „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) voll miterlebt und miterlitten hat – Faschismus, Verfolgung, Flucht – ist das eine erstaunliche Haltung. Seinen Erzählungen nach hat er damit auch seine 1994 verstorbene Frau Gretel bisweilen ordentlich genervt.

Wir haben auch für die LINKE im KV Heilbronn ab 2013 eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt, zu Israel und Palästina, zu den Anfängen der Sowjetunion ab 1917, zum Wahlprogramm für die Landtagswahl 2016, zum Leben von August Thalheimer, etc. Oft war er es, der darauf gedrängt hat, zu aktuellen Themen eingeladen zu werden. Zuletzt hatten wir ihn am 16. März dieses Jahres zu Gast in Offenau auf Anregung von Johannes Müllerschön, wo er zum 1250-jährigen Jubiläum der Gemeinde den Festvortrag hielt zum Thema "Der Weg der Bauern in die moderne Welt, Fortschritt und neue Sorgen" mit anschließender lebhafter Diskussion. Und er redete wie immer, stehend, etwas gebeugt, aber aufrecht, voller Überzeugung davon, dass die Menschen eine gute Gesellschaft schaffen können, wenn sie sich nur vernünftig verhalten und die richtige politische Orientierung wählen – den demokratischen Kommunismus. Dieser war für ihn trotz aller Rückschlage nicht diskreditiert: „Es wurden Fehler gemacht. Fehler kann man machen, aber man kann auch aus ihnen lernen und es besser machen.“

Theo war von Beruf Agrarwissenschaftler und bis 1981 Professor für Agrarökonomie an der Universität Hohenheim. Er war ein ausgezeichneter Kenner seines Fachgebietes, aber auch in vielen anderen Bereichen interessiert und kenntnisreich. Sein besonderes Augenmerk galt der VR China, die er oft besucht hat, zuletzt im Jahr 2016. Er hat dort sowohl mit Fachkollegen intensiv über die Entwicklung der Landwirtschaft und Wirtschaft diskutiert als auch über die gesellschaftliche Ausrichtung und Entwicklung Chinas. Er hat China auf einem sehr guten Weg gesehen, vor allem auch aufgrund der Fähigkeit der Parteiführung, Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Hier wie an anderen Stellen hat er seine Meinung sehr pointiert vertreten. Man musste und konnte ihm nicht immer zustimmen, ein wenig schien er bisweilen wie aus einem anderen Jahrhundert. Aber die Diskussionen waren immer lehrreich, und es hat oft erstaunt, wie präzise er bis ins Detail in vielen Bereichen Bescheid wusste.

Und er war weiss Gott hellwach, bis zum Schluß. Unsere Diskussionen verliefen immer nach dem gleichen Muster. Ich holte ihn zu einer Veranstaltung in Stuttgart-Asemwald , wo er wohnte, mit dem Auto ab, und dann ging es sofort los – zu China, zu Palästina, zur Lage der Arbeiterklasse, zur Oktoberrevolution über Bucharin, Sinowjew, Kamenjew, Trotzki, Stalin, Chruschtschow und Gorbatschow, zu Adenauer, zur KPD und KPO, und so weiter. Auf der Hälfte der Fahrt kam der Bescheid: „Ich muss jetzt den Mund halten, sonst geht mir nachher die Stimme weg, aber auf der Rückfahrt diskutieren wir weiter“ – und so kam es dann auch. Auf der Rückfahrt, oft nach Mitternacht, ich war schon reichlich müde, Theo nicht, erklärte er die Welt und versuchte mich von seinen Ansichten zu überzeugen – nicht immer erfolgreich, aber immer mit Erkenntnisgewinn. Unsere letzte Diskussion ging um die Rolle von Nikita Chruschtschow unter Stalin. Er behauptete hartnäckig, C. habe sich auch unter Stalin die Hände nicht schmutzig gemacht und sei nicht Teil des Apparats gewesen, und das habe ihm C.s Tochter bei einem Besuch in Moskau bestätigt. Ich hatte andere Informationen, aber wie immer war die Diskussion lebhaft, und Theo hatte eine klare Meinung, die er entschieden vertrat. (Recherchen meinerseits haben ergeben, dass C.s Tochter in einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte, niemand, der am Tisch mit Stalin saß, kam mit reinen Händen raus; auch ihr Vater habe Todesurteile unterschrieben. Allerdings habe er, C., das im im Nachhinein sehr bedauert.)

Für Theo war die Bildung sehr wichtig. Oft, wenn ich ihn angerufen habe, hat er die Frage nach seinem Wohlergehen weggewischt und kam gleich zur Sache: „Heinz, was tust Du für die Bildung? Lad mich ein zu einer Veranstaltung zur Bundestagswahl in Willsbach oder Hößlinsülz!“ Er war für die LINKE bundesweit in Sachen Bildung zugange und hat den Parteivorstand und das Referat „Bildung“ immer wieder beraten. Er war über die Jahrzehnte bis ins Frühjahr dieses Jahres als Zeitzeuge in vielen Schulen unterwegs, und man muss sagen, er kam bei Schülern und Jugendlichen sehr gut an. Auch die jungen Leute im Sozialen Zentrum Käthe in Heilbronn waren sehr angetan von ihm.

Viel wäre noch zu erzählen, einiges steht in den unten angegebenen Nachrufen, weitere werden folgen. Die letzten Vorträge, die geplant waren (in Öhringen über das Leben von August Thalheimer und in Obersulm zur bevorstehenden Bundestagswahl) konnten nicht mehr stattfinden. Bei Anrufen sagte Theo, ich solle eine Woche später anrufen, er habe grade kleine Schwierigkeiten, die sich aber wieder geben würden. Dann kam am Pfingstdienstag (6. Juni) morgens um 7 Uhr sein letzter Anruf, wo er sich sozusagen abmeldete. „Heinz, hier ist Theo. Also das wird nichts mehr, ich kann keine Vorträge mehr machen, ich habe nicht mehr lange. Das müßt Ihr jetzt selber richten, das mit der weiteren Stärkung der LINKEN und der Entwicklung hin zur Vermeidung von Krieg und der Entwicklung hin zum Kommunismus.“ Ich sagte, ja, Theo, wir tun unser Bestes.

 

Rosa-Luxemburg-Stiftung: https://www.rosalux.de/news/id/37448/ohne-widerspruch-kein-fortschritt/

Stuttgarter Nachrichten: www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.widerstandskaempfer-aus-stuttgart-theodor-bergmann-ist-tot.556e2a67-d1be-4f71-96df-3658ca27bfac.html

Neues Deutschland: https://www.neues-deutschland.de/m/artikel/1054081.die-staerksten-kaempfen-ein-leben-lang.html?pk_campaign=SocialMedia

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Bergmann_(Agrarwissenschaftler)

 

Heinz Deininger, 16. Juni 2017